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Mein bester Freund der Feind

Ein Plädoyer für die Ignoranz
Sarah Kretzschmar

Viele verschiedenfarbige Kinder halten sich bei der Hand und aus ihrer Mitte strahlt grün und blau die Erde. Ein Klassiker.
Wir sind uns einig: wir wollen alle Freunde sein.

Wie steht es mit dem hehren Wunsch nach allumfassendem Frieden, nach weltumspannendem Verständnis, der als Utopie scheinbar der Idee der Völkerverständigung zugrunde liegt?

Daniel C. Dennett sagt vom Menschen, er wäre das einzige Tier, dessen Hirn permanent auf die Zukunft ausgerichtet ist. Das menschliche Hirn sei eine Antizipationsmaschine, die ihrem Träger dazu diene, Zukunft wenn schon nicht vorauszusehen, so doch die feindliche Umwelt so weit als möglich berechenbar zu machen. Zweifelsohne eine sehr erfolgreiche Überlebensstrategie des Mängelwesens Mensch. Dementsprechend sind die Ergebnisse dieser Strategie nicht etwa als von ihr unabhängig, sondern als ihr zugehörig zu betrachten. So spricht etwa Sigmund Freud nicht nur von Weltanschauungen, sondern eben auch von Denksystemen und davon, dass der allgegenwärtige Wunsch des Menschen, der Welt Gesetzmäßigkeiten abzuringen – oder auch anzudichten – nichts anderes ist als das Bedürfnis, sich der Welt zu bemächtigen: der Menschen, Tiere und Dinge Herr zu werden.
Allerdings sind die Ergebnisse des Versuches, die Welt berechenbar zu machen, in Anbetracht der unendlichen Anzahl ihrer Phänomene naturgemäß so unzulänglich wie unabschließbar. Da jeder Mensch für die Bildung seines Systems andere Phänomene und damit Informationen zur Verfügung hat, die ihrerseits notwendigerweise einen nur sehr geringfügigen Teil dessen darstellen, was theoretisch wißbar ist, und nichts wertvoller ist als Information, muss es im Interesse eines jeden liegen, sich die Informationen seines Nachbarn ebenfalls zu eigen zu machen, die eigene Meinung zu überprüfen – also Kommunikation zu betreiben, neugierig zu sein. So spricht Dennett von epistemischem Hunger (von der Episteme der griechischen Antike: Wissen, Erkenntnis, Einsicht – beispielsweise bei Platon und Aristoteles, die im Unterschied steht zu der auf der Sinneswahrnehmung beruhenden – bloßen – Meinung Doxa).
Das Denken – die Fürwahrhaltungen – dieser Welterklärungssysteme haben keine andere Funktion, als die Welt berechenbar zu machen, sie dienen einzig und allein dazu, das Welterklärungs-Überlebens-System vollständiger und umfassender zu machen. Wissen ist Macht. Der Informationshunger, der den Menschen umtreibt, macht ihn deshalb vor allem zu einem unmöglich zu befriedigenden Wesen, das gierig einer Utopie nachjagt: der des vollkommenen Wissens, der Weltformel, des goldenen Grals, des Steins der Weisen. Längst hat sich dieses Ziel als Hirngespinst entpuppt – das Haupt desjenigen, der den goldenen Gral nach langer, längster Suche in zerschundenen Händen hält, wird begraben werden unter den Steinmassen der einstürzenden Höhle, die die Quelle irdischen und himmlischen Glücks lange Jahrhunderte barg. Das absolute Verständnis, gleichzusetzen mit vollständigem Ausdrücken, vollkommener Erklärbarkeit und damit auch totaler Übersetzbarkeit, ist so absurd wie eigentlich ungewollt, weil es das Versteinern von Sprache bedeutet. Es bliebe nur ein Schweigen: ihr Tod. Der allumfassende Friede zwischen den Menschen, der sich einzig aus innigstem Verstehen ergeben könnte – ist er nurmehr Teil dieser überkommenen Illusion, nur in und mit ihr feierliches Ziel?

Denn was bedeutete der Friede mehr als den Stillstand und damit das Begraben menschlicher Neugier?

Der Mensch liebt es, Reize zu empfangen, seine höheren Fähigkeiten zu bedienen, zu lernen und sich und seinem Bedürfnis nach mentaler Beschäftigung Befriedigung zu verschaffen. Denn diese Befriedigung ist ungleich viel höher als die derjenigen Triebe, die der Mensch mit beispielsweise Schweinen gemeinsam hat – ein Vergleich John Stuart Mills, der physisch keineswegs ganz an den Borsten herbeigezogen ist.
Permanent also ist der Mensch auf der Suche nach Neuem, nach noch zu Erklärendem, nach Fremdem. Nichts, das er mehr begehrt, als dasjenige, was er noch nicht hat und noch nicht eingehend kennt. Die Reaktion des bebrillten Mängelwesens inmitten alltäglicher Berechenbarkeit? Mystifizierungen aller Art, ein wenig Grusel bei Stephen King, ein kleiner Abstecher in die Welt christlicher Mythologie, die via Nachmittagsinfotainment in atmosphärischer Kulisse zur Verschwörungstheorie vernebelt wird. Auch am Morgen ein hübsches Quäntchen Wut auf das System, jenes undurchsichtige Gewaber politischer Natur, welches nach nur dunkel erahnten Gesetzmäßigkeiten das eigene Leben bestimmt. Keineswegs ist der Hunger nach erschöpfender Erklärung – wir ahnen ihre Unmöglichkeit – groß genug für eingehende Auseinandersetzung. Ein bisschen Dunkel darf schon, muss schon sein offenbar – ohne stürzte die Höhle über der ewig suchenden Antizipationsmaschine zusammen – all ihr Sinn wäre hinfällig, ein steinerner Mensch in gläserner Welt, ein Diamantenmensch, so schön wie seelenlos.
Nietzsche ist der Ansicht, dass mit dem menschlichen Trieb, sich Fremdes, sich Informationen durch Auswahl und Simplifizierung anzueignen, nicht nur ein tiefes Gefühl der „vermehrten Kraft und des Wachstums“ einhergehe. Sondern dass es demselben Willen diene, sich zur Unwissenheit zu entschließen, sich vor Dingen zu verschließen, sie nicht an sich herankommen zu lassen – „ein Verteidigungszustand gegen vieles Wißbare, eine Zufriedenheit mit dem Dunkel“.
Naturgemäß hält die einmal erreichte Befriedigung sowieso auch nicht nur nicht lange an, sondern verlangt durchaus nach einer Wiederholung – wenn nicht gar Potenzierung. Schon gewusst: das einmal Erreichte wird durchaus langweilig und reizt nur zu neuen Unternehmungen.
Wenn also der menschliche Hunger nach Neuem permanent ist und keine Befriedigung größer ist als diejenige des Aneignens des Neuen, dann braucht der Mensch vor allem eines: Neues. Fremdes. Ein natürliches Bedürfnis, vielleicht. Eine andere Erklärung für jene Faszination, die auch in Ablehnung und auf Distanz vom Fremden ausgeht, welches nicht unbedingt schön, sondern vor allem unverstanden sein muss. Also auch das Hässliche, Absurde, Ekelhafte, Furchteinflößende einschließt, damit vielleicht auch Krieg, Mord und Gewalt.
Erhält oder schafft sich der Mensch Fremdes, um sich immer wieder daran zu reiben – ein bisschen Begehren kann keiner verwehren? Eine Vorratskammer Fremdheit für den epistemischen Hunger?

Weshalb sollte es wünschenswert sein, ohne Feinde zu sein, in vollkommenem Wissen zu leben, in einer kontrollierten Welt?

Ist nicht alles, was das menschliche Dasein erleichtert, Resultat des ewigen Wissen-Wollens, vergangen also und damit gegessen? Zivilisation als unumgängliches Abfallprodukt menschlicher Neugier? Es sind vielmehr die Fragen, die wir begehren als ihre Antworten. Dass dies paradox erscheint, liegt in der Natur der Sache: nur unter der Voraussetzung, dass die Welt verstanden werden kann und dass dies Ziel und Zweck des Unternehmens Mensch ist, rechtfertigt sich das ewige Streben. Unabänderlich bleibt ebenso: wirkliches Begehren löst nur das Fremde und noch nicht Besessene, noch nicht Gegessene aus, nicht etwa das Altbekannte. Es ist vielmehr das Unkontrollierbare, nach dem wir dürsten als das Kontrollierbare. Es ist vielmehr Krieg, nach dem wir drängen als der Friede. Es ist vielmehr der Feind, nach dem wir verlangen, als der Freund.
Daraus folgt: wir brauchen Feinde. Wir wollen Feinde. Wir wollen Fremdheit. Das hält uns mitnichten davon ab, sie uns zu eigen machen zu wollen, durch Vernichtung, Infiltration respektive Verständnis oder wie auch immer. Sowenig, wie uns die Begierde nach Nahrung davon abhält, zu essen. Aber es ist nicht der Bissen im Mund, der Gegenstand unseres Verlangens ist, sondern derjenige auf dem Teller vor uns.
Wir werden niemals aufhören, uns fremd vorzukommen. Wir wollen das Fremde, wir wollen es furchteinflößend finden und interessant. Wir wollen Feinde, wir wollen Abscheuliches, wir wollen Krieg, wir wollen Ekel, wir wollen Tod. Irgendwie. Es sind dies die Dinge, die die Spannung erzeugen, nach der wir hungern. Ein Mechanismus, so Mensch wie nur irgend geht. Wenn die feindliche Umwelt längst besiegt ist, braucht es neue Feinde, zum vorübergehenden Stillen des ewigen epistemischen Hungers.
Wir lieben unsere Feinde.
Wir haben immer Hunger. Also lieben wir unsere Feindbilder.
Das heißt nicht, dass wir nicht ständig versuchen würden, sie zu klären: wir essen. Das Ziel, den klaren und damit scheinbar durchschauten Feind als Mitmenschen zu restituieren, endet nicht selten in der Präsentation eines verklärten Freundes. In seine Bestandteile zersetzt, verdaut, wird der neue Intimus präsentiert: im anderen Kostüm. Nebenbei wird dem skeptisch Gebliebenen Unaufgeklärtheit vorgeworfen, was sogleich zu einer neuen Mission motiviert – ein stürmischer Kampf gegen die Sturheit des dummen Rassisten. Feindbild. Ohne das Fremde, das viel gehassliebte Feindbild, das Zehren und Zerren der ungelösten Aufgabe gibt es nichts, woran oder besser: wogegen wir arbeiten können. Also ist der erhabene Wunsch nach allumfassendem Frieden, weltumspannendem Verständnis so hübsch wie fantastisch. Eine Utopie vor uns selbst.
Unser evolutionärer Vorteil ist die Idee von Zeit, die Idee von Zukunft. Unsere Bürde ist die Idee von Zeit, die Idee von Zukunft. Wir wollen kein Glück, wir wollen eine Aufgabe, ein Ziel.

Vollkommenheit, die angestrebte Ewigkeit, bleibt uns verwehrt. Sie wäre nicht menschlich, sondern nur: ewig – unbeseeltes Schweigen.

Viele verschiedenfarbige Kinder halten sich bei der Hand und aus ihrer Mitte strahlt grün und blau die Erde. Ein Klassiker.
Wir sind uns einig: wir wollen alle Freunde sein, aber ein Feindbild in Ehren kann keiner verwehren.

Lesen Sie die komplette 4. Ausgabe von eiskraut & sauerbein als pdf. Bitte senden Sie uns eine Nachricht an pdf@eiskrautundsauerbein.de.

One Comment

  1. Anne sagt:

    Ist es nicht das Fremde, das uns reizt? Braucht es wirklich einen Feind? Bedeutet Frieden nicht, dem Fremden gegenüber tolerant zu sein? Feindbilder vereinen uns und doch schaffen sie keine Gemeinschaft in der ich Leben möchte.
    Ein paar nur halbherzig reflektierte Gedanken meinerseits.
    Toller Text!

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