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Die Olympischen Spiele im antiken Griechenland

Politisch oder unpolitisch, friedenstiftend oder rivalitätsfördernd?
Philip Kovacevic

Olympia steht heutzutage für Wettkampf, Fairness und ein friedliches Miteinander der Völker. Meist macht man sich auch für eine unpolitische Veranstaltung stark und versucht die Internationalität des Ereignisses zu entpolitisieren. Das Vorbild unseres olympischen Spektakels war in vielerlei Hinsicht anders als die neuzeitliche Kopie.

Die Olympischen Spiele der Moderne wurden erst im 19. Jh. ins Leben gerufen. Dies geschah im Zuge des Klassizismus. Es ging eine Faszination vom sportlichen Wettkampf der Antike aus und so wurden die heutigen Attribute des Olympischen Gedankens in das alte Griechenland projiziert.
Die Bezeichnung ‚Olympiade’ ist jedoch nicht mit den Spielen selbst gleichzusetzen, sondern bezeichnete den Zeitraum zwischen zwei Spielen. Sie diente also auch zur Zeitrechnung. So findet man in altgriechischen Quellen oft die Angabe der aktuellen Olympiade, um eine zeitliche Verortung der beschriebenen Ereignisse vorzunehmen. Anhand dieser außersportlichen Nutzung wird auch die Bedeutung der Olympischen Spiele für die antike Welt verdeutlicht. Sie schienen ebenso populär und spektakulär zu sein wie heute. Dennoch waren sie nicht die einzigen Spiele Griechenlands. Sie waren nur ein Teil der panhellenischen Spiele, der sich im Laufe der Jahrhunderte zum wichtigsten Wettkampf der antiken Welt entwickelten.
In der Moderne sind die mittlerweile globalen Spiele gerade erst 112 Jahre alt. In der Zeit der alten Griechen und Römer waren sie von einer über 1000jährigen Erfolgsgeschichte beseelt. Dieses Millennium des Altertums ist der für uns heute nachweisbare Zeitraum, die Forschung geht allerdings von einer noch längeren Tradition aus. Im Jahr 393 n. Chr. verbot der christliche Kaiser Theodosius I. die Spiele schließlich als heidnisch und erst zur Zeit der Säkularisierung Europas im 19. Jh. fanden sie wieder Beachtung.
Friedliche sportliche Wettkämpfe statt Krieg, Zusammenführung aller Völker statt Entzweiung durch Gewalt und Diskriminierung sind Auffassungen, die man im 21. Jahrhundert mit dem Olympiabegriff verbindet. Im alten Hellas stand der Begriff Ekecheiria für den friedlichen Ablauf der Veranstaltung und als Garantie für eine sichere Anreise für Teilnehmer und Zuschauer. Übersetzt werden kann Ekecheiria mit Gottesfrieden. Sie sollte also dafür Sorge tragen, dass kein Krieg die Vorbereitungen und den Ablauf der heiligen Zeremonie stört.
Die hellenischen Stadtstaaten waren nicht selten damit beschäftigt, sich zu bekriegen. Das glückliche Elis, auf dessen Boden die olympischen Spiele ausgetragen wurden, hatte folglich auch eine beneidenswerte Stellung inne. Immerhin beherbergte es die heiligsten Spiele in der Kultstätte des Zeus – der stärksten aller Gottheiten ihres Glaubens – und stand alle vier Jahre im Mittelpunkt der griechischen Halbinsel. Darüber hinaus war die Region mit einer reichen Landwirtschaft gesegnet und auch deshalb ein Streitobjekt der Nachbarregionen.

Die Eleer entschieden den langen Zwist schließlich gewaltsam für sich und durften Olympia verwalten.

Dieser Gewaltakt war die Begründung des so genannten Gottesfriedens.
Doch diese Aneignung blieb an den Eleern haften und rächte sich in einem Krieg gegen Sparta 200 Jahre nach der Eroberung durch die Eleer. Die Volksstämme der Region um Olympia sagten sich los von Elis und blieben mit Hilfe der Spartaner auch unabhängig. 364 v. Chr. stürmten die Eleer das Heiligtum auf dem Höhepunkt der olympischen Spiele und nahmen es in den Folgejahren wieder in ihren Besitz, in dem es von diesem Zeitpunkt an verblieb. Jetzt haftete Elis die Gewaltherrschaft noch stärker an als zuvor, weswegen man einen Gelehrten damit beauftragte, eine Chronik über Olympia zu verfassen. Dieser Gelehrte hieß Hippias. Er berichtete nun vom in grauer Vorzeit beschlossenen olympischen Frieden, der zwar schon vor dem Angriff Elis´ existierte, aber nun schriftlich niedergelegt und verbreitet wurde. Dieses Konzept des Gottesfriedens hatte die Funktion, die Eleer vor Nachahmern zu schützen. Denn einen derartigen Frevel, wie sie ihn selbst begangen hatten, suchten sie unter ihrer zukünftigen Verwaltung zu vermeiden.
Die Ekecheiria begann als Idee immer größeren Anklang zu finden, denn sie wurde auch als einigender Faktor der griechischen Stadtstaaten verstanden. Auch wenn dadurch schon in der Antike eine Verklärung des tatsächlichen Geschichtsbildes der Ursprünge des Kultplatzes Olympia stattfand, war dieses Bild eines friedlichen Miteinanders fest im Bewusstsein der Gesellschaft verankert. Freilich war der Frieden nicht gesichert. Es war nun an den anderen Stadtstaaten Griechenlands, sich dieser Regel zu fügen und die Ekecheria zu wahren. Leider war dies nicht immer der Fall. Der Olympische Frieden war indes sehr beschränkt und galt nicht als allumfassend. Die Ekecheria betraf nur den Staat, der die Festlichkeiten verwaltete, also durfte an anderer Stelle Krieg geführt werden.

Das olympische Ereignis selbst war eng mit der hellenischen Kolonisa-tion auf italienischem und kleinasiatischem Boden verknüpft.

Hier trafen sich Kolonisten und begründeten ihren Besuch in der Heimat.
Mehrere zehntausend Besucher hatte das Ereignis aufzuweisen, es war also auch damals schon ein gewaltiger Tross vonnöten, um das Spektakel zu organisieren. Schon Wochen vorher trafen Handwerker und Händler ein, welche die Gerüste und die anderen Bauten vorbereiteten. Unterkunft und Verpflegung der Besucher mussten gesichert werden und versprachen ein gutes Geschäft. Immerhin entsandten die Stadtstaaten häufig offizielle Gesandtschaften, welche sie auf dem Fest repräsentieren sollten. Es wurde also auch Politik am Rande der Spiele betrieben, sie waren somit ein teilweise politisches Ereignis. Da so viele einflussreiche Personen anwesend waren, boten sie den perfekten Rahmen für Verhandlungen und politische Selbstdarstellung.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Besucher der olympischen Spiele trotz der kurzen Dauer von fünf Tagen häufig länger in Olympia blieben und folglich eine Festzeit von bis zu drei Monaten angenommen werden kann. In den Quellen ist ein äußerst politisches Verständnis der antiken Spiele erkennbar, welches von den Zeitgenossen keinesfalls in Frage gestellt wurde. Ferner konnte der sportliche Erfolg für einen jungen Aristokraten den zukünftigen politischen Aufstieg bedeuten und war häufig der Grund für die Teilnahme an einem Wettkampf. Olympia war ein essentieller Bestandteil politischer Öffentlichkeitsarbeit. Der Anspruch des heutigen IOC (International Olympic Committee), die Olympischen Spiele als unpolitischen, sportlichen Wettkampf darzustellen, kann folglich nicht auf die antiken Festlichkeiten zurückgeführt werden.
Das umfangreiche Personal für Festlichkeiten und Spiele stellte Elis. Die Unterkünfte waren spärlich. Man kann davon ausgehen, dass es nicht sehr angenehm war, nach Olympia zu pilgern und dort im Gedränge der anderen Besucher einen Blick auf die Heiligtümer und die Sportler zu erhaschen. Doch wer war alles als Zuschauer anwesend? Wer durfte teilnehmen?
Die Werte der Hellenen unterschieden sich von denen der gegenwärtigen Gesellschaft in vielen grundsätzlichen Ansichten. Solidarität oder der Ausspruch Dabei sein ist alles! passten kaum auf den Wettkampf im Altertum. Dort ging es um den Sieg des Einzelnen. Es gab keine zweiten und dritten Platzierungen, niemand feierte die Teilnahme am sportlichen Geschehen, die Verlierer wurden geschmäht, egal ob sie knapp oder haushoch verloren hatten. Im Umkehrschluss wurden die alleinigen Sieger in den jeweiligen Disziplinen emphatisch verehrt, was auch die Benennung ihrer Namen in den zeitgenössischen Schriftstücken erklärt. Die Gewinner waren die Helden der nächsten vier Jahre und der Ruhm des Sieges haftete ihnen ihr ganzes Leben lang an. Sie waren nun Olympioniken und hatten sich von der Masse abgesetzt. Überdies gab es keinen Amateurgedanken. Jeder Sportler war Profi in seiner Disziplin. Ebenso waren die Teilnehmer nicht von einem Fairnessbegriff beseelt, der ihnen eventuelle Chancen auf den Sieg nehmen konnte. Allein der Erfolg zählte. Diese Einstellung reichte soweit, dass sich im Jahr 68 n. Chr. ein römischer Kaiser das Recht herausnahm, sich selbst zum allumfassenden Sieger der gesamten panhellenischen Spiele zu erklären. Kaiser Nero veranstaltete Festlichkeiten und Triumphzüge zur Feier seiner Siege, die er in Wirklichkeit nie errungen hatte.
Als Teilnehmer zugelassen waren nur Griechen. Andere Völker waren ausgeschlossen. Von einer Völkerverständigung konnte also keine Rede sein. Allerdings muss man beachten, dass die Stadtstaaten untereinander verstritten waren und eine gemeinsame hellenische Kultur dazu beitrug, ein Kollektivverständnis aufzubauen. Hierzu war Olympia von großem Wert. Die Exklusivität, Grieche zu sein, schaffte ein Verlangen nach kultureller Zugehörigkeit und damit auch nach einem Selbstverständnis jedes Individuums als Grieche bzw. Hellene. Neben den Makedonen, die es verstanden, sich als Griechen zu legitimieren und so für die Spiele zu qualifizieren, schafften es noch die Römer – aufgrund ihres hegemonialen Anspruchs in der Mittelmeerwelt jener Epoche – zu den olympischen Spielen zugelassen zu werden.
Innerhalb dieser kulturellen Schranke gab es noch einige soziale Hürden: Sklaven durften nicht am Wettkampf teilnehmen, Unfreie waren von kulturellen Veranstaltungen im gesellschaftlichen und rechtlichen Kontext der hellenischen Städte ausgeschlossen. Dies übertrug sich auch auf die olympische Kultstätte. Hinzu kam die Verachtung gegenüber den Athleten niederen Standes durch Mitglieder der Aristokratie, welche ungestraft öffentlich die Nichtadligkeit der Konkurrenz geringschätzten. Derartige Deklassierungen erfuhren keine Kritik, da man scheinbar eine aristokratische Prägung der Spiele nicht verleugnete.
Eine weitere Exklusion erfuhren die Frauen. Wettkämpfe trugen ohnehin nur die Männer aus und sogar auf den Zuschauerrängen hatten nur unverheiratete junge Frauen Zutritt.

Ehefrauen waren unter Androhung der Todesstrafe von den sportlichen, heiligen und politischen Olympischen Spielen ausgeschlossen.

Dieses Verbot lässt also auch die Stellung der Frau in der antiken Gesellschaft erahnen. Doch wie sind weibliche Olympioniken im antiken Griechenland zu erklären? Die Disziplin des Wagenrennens spielte dort, wie auch für viele andere Ausnahmefälle, eine wichtige Rolle. Hier gewann nicht der Lenker, sondern der Besitzer des Rennstalls. Somit konnte dieser auch abwesend sein. Frauen mit einem Gespann aus ihrem Besitz konnten auch zu Olympiasiegern in Abwesenheit erkoren werden.
Die Olympischen Spiele der Antike, das Vorbild der heutigen globalen Wettkämpfe, fanden ebenso großen Anklang wie die Spiele der Gegenwart. Sie hatten einen stark politischen Charakter, der nicht kritisiert, sondern akzeptiert und rege genutzt wurde. Hinzu kam die grundverschiedene Einstellung zu Teilnahme und Sieg im Vergleich zum Olympia der Moderne. Integration und friedliches Miteinander standen weniger im Mittelpunkt. Der Frieden war eine praktische Folge der häufigen Kriege der Stadtstaaten und sollte nur die Veranstaltung der heiligen Spiele ermöglichen. Diskriminierung von schwächeren Schichten sowohl durch wohlhabende als auch durch aristokratische Vertreter sowie von Frauen und Angehörigen anderer Volksgruppen durch die altgriechische Gesellschaft waren feste Bestandteile der Olympischen Spiele. Allein die Zusammenführung der griechischen Städte und die Konstruktion einer gemeinsamen hellenischen Identität kann dem Sportereignis testiert werden.
Nichtsdestotrotz wurde in Olympia eine Idee des Friedens geschaffen, die auch in hellenistischer Zeit immer wieder Anklang fand und Hoffnung gab. Diese Idee ist es, der wir auch heute die Wirklichkeit entgegenstellen müssen, ebenso wie es die Menschen der Antike taten, die eine Idee feierten und in der Wirklichkeit lebten.

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