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EM 2008: Gastgeberland Schweiz

Die Nati als Spiegelbild der Schweizer Gesellschaft
Martin Ernst

Das Antlitz zahlreicher Nationalmannschaften ist mittlerweile durch die Migration geprägt – doch wohl kaum eines schon so lange wie das der Nati, wie die Schweizer ihre Nationalelf zärtlich nennen.

Come in and find out
Wer jüngst in die Schweiz gereist ist, dürfte freundlich empfangen worden sein. Schon an der Grenze werden Einreisende von Eidgenossen begrüßt, die an ein anstehendes Großereignis erinnern und mit den Nationaltrikots der daran teilnehmenden Länder gekleidet sind. Mit Blick auf die im Juni beginnende Europameisterschaft arbeiten die Schweizer an ihrem Image und haben Anfang des Jahres eine Sympathie-Kampagne gestartet, die das Bild vom unfreundlich- mürrischen Eidgenossen anhand einer Freundlichkeitsoffensive korrigieren will (vgl. Spiegel vom 14.1.2008). Die Welt auch hier zu Gast bei Freunden? Wahrscheinlich schon, doch erinnert man sich an den nur wenige Monate zurückliegenden Wahlkampf des SVP-Politikers Christoph Blocher, könnte man sich den Zusatz denken: aber bitte nur auf Zeit! Auf den Plakaten der Volkspartei wurden die „schwarzen Schafe“ der Gesellschaft (im Blocher´schen Sinne Assimilierung verweigernde und kriminelle Ausländer) per Huftritt von den schneeweißen Artgenossen (den Schweizern eben) aus dem Land befördert.
Diese Vehemenz mag umso mehr erstaunen, als am 7. Juni eine Mannschaft das Turnier eröffnet, deren Erscheinung mehr als bei jedem anderen europäischen Land von dem Phänomen der Migration geprägt ist und ohne Frage in den letzten 15 Jahren davon profitiert hat. Möglicherweise wäre das Musterland Schweiz ohne die vermeintlichen schwarzen Schafe, oder diejenigen, die von ihnen abstammen, fußballerisch eine graue Maus. Mit dem Begriff „Secondos“ werden in der Schweiz die Kinder von Fremd- und Gastarbeitern bezeichnet, die schon im Alpenstaat geboren oder zumindest frühzeitig dorthin immigriert und dort aufgewachsen sind. Heutzutage sind eben diese Secondos aus der Nati nicht mehr wegzudenken. Seit Mitte der 90er, als der Alpenstaat sich nach 6 erfolglosen Anläufen wieder für eine Weltmeisterschaft qualifizieren und somit an eine relativ erfolgreiche Zeit vor 1966 anknüpfen konnte, gehören Secondos zu den Leistungsträgern des helvetischen Fußballs.

Die Nati seit den 90er Jahren – ein Spiegel Schweizer Sozialgeschichte
Nach einer langen Phase der Erfolglosigkeit nahm die Schweiz 1994 wieder an einer Weltmeisterschaft teil und zeigte dabei, im Vergleich zu ihrem letzten Auftritt 1966, ein durch und durch verändertes Antlitz. Während Torhüter Marco Pascolo und der aus der Bundesliga bekannte Ciriaco Sforza ursprünglich italienische Staatsbürger waren, stammten die Offensivspieler Murat Yakin und Kubilay Türkyilmaz von türkischen, Abwehrspieler Martin Rueda von spanischen Einwanderern ab. Um bei der Rückkehr auf das internationale Parket einen guten Eindruck zu hinterlassen, wurde sogar in unschweizerischer Eile Yakins Einbürgerung befördert und vorangetrieben. Unter der Ägide des englischen Trainers Roy Hodgson kämpfte sich die Alpenstaat- Auswahl mit Sforza, Pascolo und Türkyilmaz bis ins Achtelfinale in Washington, wo man Spanien unterlag. Nur zwei Jahre später qualifizierte man sich zum ersten Mal überhaupt für eine Europameisterschaft. Der eingebürgerte Türkyilmaz war es, der in und gegen England den ersten Schweizer Europameis-terschaftstreffer überhaupt markierte und auch heute noch die Torschützenliste der Nati anführt. Bei der zweiten Europameis-terschaftsteilnahme 2004 in Portugal wurde das zweite Schweizer EM-Tor, geschossen von dem in Kolumbien geborenen Eidgenossen Johan Vonlanthen, sogar zum übernationalen Rekord: er gilt seither als jüngster EM-Torschütze überhaupt.
Diese seit Mitte der 90er erlangten Achtungserfolge wurden von einer Mannschaft erreicht, die 1994 vom Kicker in einem Sonderheft zur WM als ein „Spiegelbild Schweizer Sozialgeschichte“ bezeichnet wurde. Gleichzeitig sprach man von ihrer einmaligen „kosmopolitischen Ausrichtung“. Tatsächlich zeigte schon damals keine der 24 teilnehmenden Mannschaften ein so buntes Erscheinungsbild wie die Schweiz. Einzig den Überredungskünsten Berti Vogts war es zu verdanken, dass der Italo- Mannheimer Maurizio Gaudino, Sohn eines neapolitanischen LKW-Fahrers, in den deutschen Reihen stand. Der erfolgsverwöhnte deutsche Weltmeister wiegte sich Mitte der 90er Jahre in trügerischer Selbstzufriedenheit. Noch waren Matthäus und Co. auf ihrem Zenit, und ein fingerfertiger Jungspund namens Effenberg stand für eine vielversprechende zukünftige Generation. Erst Ende der 90er Jahre, als man für deutsche Verhältnisse erneut früh ausschied und die multi-ethnischen Auswahlen aus den Niederlanden und Frankreich durch attraktiven und effektiven Fußball begeisterten, kam das Umdenken und bewegte DFB-Vize Meyer-Vorfelder zu der in der SZ abgedruckten Aufforderung: Wir müssen […] auf die Eltern junger Ausländerkinder zugehen, um sie für den deutschen Fußball und auch für die deutsche (Jugend-) Nationalelf zu gewinnen. […] Nur so bekommen wir wieder die richtige Bandbreite. Das ist die vordringliche Aufgabe für den deutschen Fußball. An der Bevölkerungsentwicklung führte letztendlich kein Weg vorbei und nach einem Generationenwechsel kann sich Jogi Löw diesen Sommer fragen, wer eigentlich neben Miroslav Klose stürmen soll, Podolski, Gomez, Neuville oder Kuranyi?
Das vielfarbige Erscheinungsbild der Nati ist man aber schon seit längerem gewöhnt und blieb bei den folgenden Großturnieren erhalten. Den Schweizern, so scheint es, wird es nie zu bunt. Dank eines seit 1995 betriebenen Nachwuchskonzepts hat sich die Schweiz auch im neuen Jahrtausend als konstanter Mitspieler bei Großturnieren etablieren können. Dass der Ausländeranteil im Juniorenfußball rund 60% beträgt, zeigt sich nicht nur bei den Jugendmannschaften, sondern auch an der Spitze. Neben den üblichen französischsprachigen und italienisch- bzw. spanischstämmigen Schweizern wie Phillipe Senderos, Ludovic Magnin oder Tranquillo Barnetta sind in der Nati in den letzten Jahren zunehmend auch balkanstämmige Spieler wie Valon Behrami (Kosovo), Boris Smiljanic (Serbien) oder Blerim Dzemili (Mazedonien / Albanien) in Erscheinung getreten. In Deutschland bekannt sind vor allem der für Borussia Dortmund spielenden und mit Schweizer Akzent sprechenden Mladen Petric. Ähnlich wie sein Ruhrpott-Kollege Ivan Rakitic (Schalke 04) gehört Petric zu den wenigen Secondos, die zwar in der Schweiz hervorragend ausgebildet wurden, sich aber entschieden haben, für das Heimatland ihrer Eltern, Kroatien, zu spielen. Beide stellen aber eher Ausnahmen dar, denn das Bemühen um die talentierten Kinder eingewanderter Eltern hat sich seitdem noch gesteigert, bereits im Jugendalter wird mit attraktiven Förderungen bei den Eltern geworben und meist auch überzeugt. Neben den jüngeren Beispielen türkischer Schweizer wie Gökhan Inler oder Eren Derdiyok fällt aber auch noch die Anzahl von Helvetiern mit afrikanischen Wurzeln auf. Blaise Nkufo, Kind kongolanischer Flüchtlinge und mittlerweile treffsicherer Vollstrecker in der holländischen Eredivisie, wurde trotz seines hohen Alters erneut von Nationaltrainer Kuhn berufen. Dass er im Juni nicht aufläuft, liegt an einem in letzter Sekunde eingetretenen Sehnenriss. Dabei sein werden dafür Gelson Fernandes (Kap Verde) und Johan Djourou (Elfenbeinküste), beide wurden auf dem afrikanischen Kontinent geboren, verlebten ihre Jugend in der Schweiz und haben den Sprung ins Mutterland des Fussballs, in die englischen Premier League geschafft.

Die sogenannte Schweizer Angst vor „Überfremdung“
Die Schweizer Sozialgeschichte der letzten 50 Jahre ist zugleich auch eine Geschichte wachsender Zuwanderung und daraus entstehender Konflikte. Was für die Nati gilt, galt schon immer für die Schweiz, einer Nation, die sprachlich noch nie eine Einheit gebildet hat, als „Willensnation“ bezeichnet wird und bei welcher der Ausländeranteil an der Bevölkerung mittlerweile rund 20 Prozent ausmacht. Heutzutage ist die Schweizer Wirtschaft von den zugewanderten Arbeitskräften – zu denen mittlerweile in großer Zahl auch deutsche Staatsbürger zählen – abhängig wie nie zuvor. Die Anfänge dieser Tendenz liegen in der Nachkriegszeit. Schon 1945 wurde in den Sektoren der Landwirtschaft und der Exportindustrie ein Mangel an Arbeitskräften festgestellt. Um die florierende Wirtschaft am Laufen zu erhalten, bedurfte es im Alpen-Idyll ausländischer Fremdarbeiter. Da die Besatzungsmächte die Ausreise deutscher Arbeiter untersagte, wurde 1946 50000 und 1947 bereits 127000 italienischen Fremdarbeitern eine Aufenthaltsbewilligung erteilt. Ab 1959 begann auch, als Folge der spanischen Wirtschaftskrise eine vermehrte Zuwanderung spanischer Arbeitskräfte. Bis 1969 stieg die Zahl ausländischer Arbeiter auf 971000. Die hieraus entstandenen Spannungen erfasste der Schriftsteller Max Frisch in dem Satz: Wir holten Arbeitskräfte, und es kamen Menschen. Wurde anfangs noch versucht, eine Verwurzelung der Fremdarbeiter durch das sogenannte Rotationsprinzip, durch welches die Erlaubnis zum einjährigen Aufenthalt jedes Jahr neu verteilt wurde, zu vermeiden, begann man Mitte der 60er Jahre zunehmend auf eine einseitige Assimilationspolitik zu setzen, die von sesshaft gewordenen Einwanderern eine strikte Anpassung an die schweizerischen Normen, Sitten und Gebräuche erwartete. Auf diese ersten Einwanderungsbewegungen folgten bis heute immer wieder politische Initiativen, die versuchten, die Zahl ausländischer Arbeiter zu limitieren und für eine verschärfte Asylpolitik plädierten. Der Wahlkampf Blochers, von den Vereinten Nationen als „rassistisch“ bezeichnet, ist nur eines der jüngeren, wenn auch eher extremen Beispiele einer beständigen Schweizer Angst vor sogenannter „Überfremdung“.
Diese Spannung zwischen notwendiger Öffnung einerseits und konservativer Bewahrung des schweizerischen Selbstverständnis andererseits macht es auch heute noch einer Generation von Secondos schwer, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erlangen, obwohl sie in der zentraleuropäischen Republik aufgewachsen, wenn nicht gar geboren sind. Was im Sport funktioniert und hier befördert wird, schnelle Integration, Förderung und eine erleichterte Einbürgerung, hat die Lebenswelt der Schweizer Gesellschaft noch nicht ganz erreicht. Wir heißen meistens weder Müller noch Sutter, sondern tragen oft Nachnamen wie Fiorentino, Gomez, Svensson, Tadic, García, Yeng, Szalay, Malek, Ibrahimi, Miller, Ganiyou oder Hacisalihoglu. Wir sind meist in der Schweiz geboren, hier zur Schule gegangen, arbeiten hier und leben dennoch zwischen zwei Welten. Unser Image ist nicht das beste, und dies wollen wir ändern heißt es auf einer eigens von und für Secondos eingerichteten Internetplattform (www.secondo.net). Ziel sei es, nicht nur als Problemschüler, Raser und Kopftuchträgerinnen wahrgenommen zu werden, sondern als stinknormale Menschen, die längst zur Schweiz gehören. Hier werben auch „erfolgreiche“ Mitglieder jener 2. Generation für ein verständnisvolleres Miteinander. Einer von ihnen ist Ricardo Cabanas. Der Profi vom FC Zürich und Sohn galizischer Einwanderer bezeichnet sich ausdrücklich als spanischen Schweizer, der das Leben zwischen eidgenössischer Zuverlässigkeit und iberischer Lebenslust zu schätzen weiß. Cabanas zählt zusammen mit anderen auf sportlichem Weg erfolgreichen Secondos zu denjenigen, die für eine geglückte Integration stehen und für diese Tendenz auch in außersportlichen Bereichen werben. Der Sport machts möglich und zeichnet es vor – ohne Frage stellt der Fußball in der Schweiz ein Mittel sogenannter Aufwärtsmobilität dar, mittlerweile auch in Deutschland.

Nördlich der Alpen
Dennoch müsste es eigentlich verwundern, dass bei dem hohen Bevölkerungsanteil migrierter und eingebürgerter Türken der Anteil an Nationalspielern so gering ist. Malik Fahti und Serdar Tasci gehörten zu den ersten seit langer Zeit nominierten, seit Mustafa Dogan 1999 unter Erich Ribbeck für zwei Minuten auflaufen durfte.
Dabei hat Deutschland mittlerweile nachgezogen, das Werben um binationale Talente begonnen. Doch setzt es meist erst ein, wenn ein Spieler schon als fertiges Talent erkennbar ist. Der Soziololge Frank Kalter ist durch seine strukturelle und ressourcentheoretische Analyse zu dem Schluss gekommen, dass dieses noch existierende Ungleichgewicht an der Spitze des Leistungsports letztendlich auch als ein Zeichen für die mangelnde soziale und strukturelle Integration gewertet werden kann. Denn an der breiten Basis, den Jugendvereinen stellen Kinder von Einwanderern zwar meist das Gros, doch um eine effektive Talentförderung zu erreichen, bedarf es letztendlich auch der Investition von Ressourcen und Kapitalien, die nicht jedem in gleichem Maße gegeben sind. Ähnlich wie Bildung ist eben auch eine fußballerisch hochwertige Ausbildung und Förderung ein Gut, das nicht immer an alle in gleichem Maße verteilt wird, denn um in die entsprechende Position zu kommen, muss wiederum das entsprechende fußballrelevante Kapital gegeben sein – und Talent ist zwar eines, reicht aber alleine nur in den seltensten Fällen. Grund für die Unverteilung an der Spitze sind also letztendlich auch äußere Strukturen, welche einen Einfluss auf die Selektion im Förderungsbereich haben: Es sind banal erscheinende Stolpersteine, deren Wirkung sich Laufe der Jahre akkumuliert und am Ende den Ausschlag gibt, so Kalter. Zahlreiche simple Faktoren können eine Rolle spielen, z.B. das Anfangsalter im Verein, das Bildungsniveau der Eltern oder auch der Freundschaftskontakt mit Deutschen. So hat Kalter festgestellt, dass das Anfangsalter bei der vertikalen Positionierung im Ligabetrieb eine erhebliche Rolle spielt, da ein späteres Eintrittsalter einen späteren Beginn der systematischen Investition in fußballrelevantes Kapital darstellt. Gleichzeitig haben Studien ergeben, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund im Schnitt 1-2 Jahre später im Vereinssport anfangen. Ebenso entscheidend für die Talentförderung kann es sein, ob die Eltern über ein bestimmtes Bildungsniveau oder die zeitlichen und finanziellen Mittel verfügen, um die Entwicklung ihres Kindes zu betreuen, da Anfangsalter und generelle Elternunterstützung (…) wichtige Einflussfaktoren auf die späteren Karrierechancen darstellen. Dem entsprechend hat sich auch gezeigt, dass sich das Eintrittsalter türkischer Kinder dem von deutschen annähert, je besser sie deutsch sprechen und je höher der Bildungsgrad der Eltern ist.
In dieser Betrachtung wird deutlich, dass auf breiter Basis talent-unabhängige Selektionsmechanismen ausschlaggebend für die sportliche Karriere sein können. Kalter ist in seiner Studie diesen eher subtilen Prozessen nachgegangen und kommt zu dem Schluss, dass nach wie vor Mobilitätsbarrieren vorhanden sind: Wenn die ausländischen Jugendlichen gleich guten Startbedingungen ausgesetzt wären, könnten sie sich noch viel besser positioniert sein, als sie es schon sind, und es stellt sich die Frage, ob nicht nur dies letztlich für die nötige Breite sorgen kann, die man im internationalen Konkurrenzkampf benötigt.

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